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Act 2

Kälte - oder: eine Erinnerung in Prosa

A. breitet den dunkelblauen Schneeanzug auf der kleinen Sitzbank aus und hebt den Jungen ebenfalls hinauf. Sie steckt vorsichtig seine Füße in die dick gefütterten Hosenbeine und hilft ihm, den Weg mit den Händchen in die Ärmel zu finden und die Fäustlinge überzuziehen. Als sie ihn fertig angezogen hat und vorsichtig auf den Boden stellt, tut er einige tapsige, unbeholfene Schritte und blickt sie mit einem ganz seltsamen Blick an.

Als er zu weinen beginnt, laut und überfordert und unglücklich, dreht sich die Welt um sie herum unbeirrt weiter, doch in ihrem Kopf springt die Zeit zurück und steigt an einem Moment wieder ein, der bis jetzt vergessen schien. Wie der Arm eines Plattenspielers, der aus dem Takt gekommen und an der falschen Stelle wieder aufgesetzt worden ist, kehren Erinnerungen, Eindrücke und Gefühle einer Zeit zurück, die eigentlich weit zurück geblieben sein müsste. Ihrer eigenen Kindheit.

Vor ihrem Gesicht sieht sie wieder den violetten Schneeoverall von vor vielen Jahren und spürt seine warme Umarmung weich auf der Haut.

Sie fühlt wieder die Angst, die nicht da sein sollte und geboren worden ist aus einem anderen Gefühl aus dem Nichts, aus der Irrationalität ihres kindlichen Denkens und einem leisen Phantomschmerz, der über ihrem ganzen Sein liegt, ohne dass sie wüsste, was es ist, das sie verloren hat, das ihr so schmerzt und sie daran hindert, ausgelassene Freude zu verspüren.
"Wenn ich jetzt sterbe", denkt das 5jährige Mädchen und in ihrem Bauch nistet sich ein großes, schmerzendes Loch ein, das sich füllt mit Schuldgefühlen und Trauer. "Wenn ich jetzt sterbe, haben meine Eltern diesen wunderschönen Schneeanzug umsonst gekauft. Dann hängt er ganz einsam an der Garderobe und kann seinen wunderbaren Zweck nichtmehr erfüllen." Sie hat Angst, dass der Anzug nicht für sie bestimmt ist. Dass sie ihn nicht haben sollte und er zu gut sein könnte. Denn schließlich könnte alles von einem auf den anderen Moment vorbei sein. Einfach so. Und der Gedanke an den nutzlosen Anzug und die Traurigkeit dieser Bestimmung brennt ihr eine kleine Narbe ins junge Herz.

Eine Narbe, die jetzt, wo sie ins tränenüberströmte Gesicht des kleinen Jungens blickt, wieder spüren kann, frisch und noch immer nicht verheilt, voller abgekratztem Schorf. Was bedeutet sie, fragt sie sich. Was bedeutet dieser Schmerz?

Sie nimmt den Kleinen auf den Arm und trägt ihn nach draußen, wo der samtweiche, weiße Schnee seine Gedanken fängt und das Lächeln auf sein Gesicht zurückbringt. Sie bleibt mit der Kälte im Inneren, die nicht weichen will, allein.
30.11.10 19:09
 


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